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Landwirt hat alles verloren

20.01.2010

Trostberger Tagblatt - 20.01.2010

Gottfried Glöckner aus Hessen hat bittere Erfahrung mit der "Grünen Gentechnik" gemacht


Palling (zei). Rund 450 Menschen füllten den Saal beim "Milchwirt" in
Palling, als der hessische Landwirtschaftsmeister Gottfried Glöckner auf
Einladung von Zivilcourage Traunstein und Berchtesgadener Land referierte.
Er war einer der ersten Milchbauern Deutschlands, der sich mit dem
Chemie-Giganten Syngenta einließ, gentechnisch veränderten Mais anbaute und
verfütterte - und bittere Erfahrungen mit der "Grünen Gentechnik" gemacht
hat. Nun warnt er landauf landab vor den Gefahren.

Als ehemaliger "Vollgasbauer" wollte er die Sache wissenschaftlich angehen
und dokumentierte akribisch Erfahrungen bei Anbau und Verfütterung von
Genmais. Zunächst war er von der mit dem Bazillus thuringensis (Bt)
infizierten Maissorte, die er auch an seine Rinder verfütterte, begeistert.
Die Pflanzen produzieren ständig ein Gift, das gegen den
Maiszünzler-Schädling wirksam sein soll. Das Robert-Koch-Institut testete
den Mais vor der Zulassung "nur einige Monate in fragwürdigen
Fütterungsversuchen", was Glöckner aber noch nicht ahnte. Er war begeistert,
der Proteingehalt der Pflanzen war höher als bei herkömmlichen Sorten. Wie
Glöckner später herausfand, konnten die Tiere jedoch lebenswichtige
Nährstoffe über dieses Futter nicht aufschließen. Nach zweieinhalb Jahren
kam es zu massiven Problemen: Seine hochprämierten Hochleistungs-Zuchtrinder
bekamen Durchfall, eitrige Euter, gaben nur mehr vier bis sieben Liter Milch
am Tag, es kam zu Totgeburten und Missbildungen bei Kälbchen und zu
Todesfällen.

Er war ratlos, wurde doch von der TU Weihenstephan zugesichert, dass sich
das Bt-Gift spätestens nach vier Wochen im Körper der Tiere abgegebaut
hätte. Er schickte Futterproben zu Syngenta. Die meinten, es sei alles in
Ordnung. Er wurde misstrauisch und ließ eigene Untersuchungen anstellen. Und
wurde fündig: Im Futter, das 18 Monate gelagert war, fand sich das Toxin
noch immer, auch in der Milch und in der Gülle.

Als er von Syngenta und den Wissenschaftlern keine Unterstützung bekam,
wandte er sich an Greenpeace und - was ihn als CDU-Mann besonders hart ankam
- an Verbraucherministerin Renate Künast (Grüne), der er eine Steilvorlage
lieferte, um ein Verbot von Genpflanzen zu propagieren, so Glöckner.

Wie seine Nachforschungen ergaben, starben durch die Bt-Mais-Fütterung die
natürlichen Bakterien im Kuhmagen ab, die Rinder konnten nicht mehr
verdauen, bekamen Durchfall und starben. Für Glöckner bedeutete das den
"wirtschaftlichen Totalschaden" - neben der psychischen Belastung. "Ich habe
alles genetische Tiermaterial verloren, alle Zuchterfolge sind zunichte
gemacht worden", klagt er. Die Innereien der verendeten Tiere, die er zu
Untersuchungen in ein Institut einschickte, seien verschwunden. Glöckner
sieht darin eine Verquickung von Wissenschaft und Konzernen, wie auch im
Vorfeld bereits an Untersuchungsergebnissen manipuliert wurde.

Glöckner, der im In- und Ausland von seinen Erfahrungen berichtet, bekam von
Syngenta "Schadensersatz" geboten - Geld und Immobilien, wenn er keine
Vorträge mehr hält. Den Maulkorb ließ er sich aber nicht verpassen. Etliche
Bestechungsversuche folgten, um ihn zum Schweigen zu bringen. Just zu diesem
Zeitpunkt kam es auch zu einer Wende in seinem bis dahin problemlosen
Scheidungsprozess: Seine Frau wechselte den Anwalt - und er wurde auf
"Vergewaltigung in der Ehe" verklagt. Was Glöckner als schlechten Scherz
abtat, wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt.
Der Gefängnisdirektor verriet ihm, dass in seinen Unterlagen der Eintrag
"Gentechnikgegner" stehe. Glöckner meint, dass er ruhiggestellt werden
sollte - "ein ungeheuerlicher Vorgang in einer Demokratie". Wegen guter
Führung wurde Glöckner vorzeitig entlassen, zwischenzeitlich waren jedoch
sein Hof und seine Gründe versteigert.

Sein größter Wunsch ist es nun, seinen Hof wieder bewirtschaften zu können.
Er fordert, dass Genpflanzen, wenn überhaupt, nur nach dem Arzneimittelrecht
zugelassen werden sollten. Im Agro-Gentechnikbereich werde viel vertuscht
und manipuliert. Derzeit werde wieder versucht, die Agro-Gentechnik durch
die Hintertür zu etablieren. Die Politik sei bei der Einschätzung der
Sachlage überfordert und höre zu viel auf Lobbyisten der Chemieindustrie
statt auf Volkes Wille. Deutschland solle das Einfallstor der AgroGentechnik
für Europa werden, ist sich Glöckner sicher. "Wir haben Verantwortung für
unsere Kinder und würden den Politikern gerne Hilfestellung geben", meint
er.

80 Prozent der Bürger in Deutschland wollten keinen Anbau von Gen-Pflanzen,
jedoch agiere die Koalition von CDU und FDP und EU-Lobbyisten gegen Volkes
Willen. "Es geht ja dabei um sehr viel Geld", meinte er. Mitorganisator
Georg Planthaler von Zivilcourage appellierte an die zahlreichen Bauern im
Saal, konsequent kein Kraftfutter mit Gensoja mehr zu kaufen. Sein Kollege
Bernhard Hennes möchte Widerstandskräfte bündeln und Bauern sowie
Lebensmittel-Verarbeiter dazu überreden, ohne AgroGentechnik zu produzieren.
Futtermittelhändler Josef Feilmeier meinte, dass es genug heimische
Futtermittel gäbe, riet aber von Raps als Alternative ab, da dies eine
chemieintensive Pflanze sei, und riet dagegen zum Sojaanbau, natürlich ohne
GVO.

Zum Thema ist frisch ein Buch erschienen, in der auch die Geschichte
Glöckners beschrieben wird: Klaus Faißner, "Wirbelsturm und Flächenbrand -
das Ende der Gentechnik", ISBN: 978-3-200-01749-8.

Quelle: http://www.chiemgau-online.de/portal/lokales/trostberg-traunreut_Landwirt-hat-alles-verloren-_arid,125370.html