BUND zum 5. Jahrestag der Ahrtalflut: Sachsens Hochwasserschutz weiter ungenügend

07. Juli 2026 | Flüsse & Gewässer, Klimawandel, Lebensräume, Moore, Naturschutz

BUND-Recherche offenbart Lücken bei Strategie und Finanzierung auch in Sachsen

Ahrtal von oben, wie es komplett überschwemmt ist Hochwasser in Ahrtal ©Adobe Stock/ Christian

Dresden. Fünf Jahre nach der katastrophalen Flut im Ahrtal zeigt eine neue Recherche des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): Auch Sachsen ist noch immer nicht ausreichend auf die zunehmenden Wetterextreme vorbereitet. Statt Flüssen mehr Raum zu geben, werden wichtige Überflutungsflächen weiter mit Siedlungen und Straßen zugebaut. 

Im sachsenweiten Durchschnitt haben die Flüsse 31 Prozent ihrer natürlichen Überschwemmungsfläche verloren. Am größten sind die Verluste bei Weißer Elster (62 Prozent) und Spree (61 Prozent), am kleinsten bei der Freiberger Mulde (12 Prozent). Sachsen gehört zu den drei Bundesländern mit der höchsten Siedlungslast im Überschwemmungs­gebiet: 11 Prozent der amtlich festgelegten Überschwemmungsgebiete – die nicht identisch mit den natürlichen Überschwemmungsflächen der Flüsse sind – nehmen baulich geprägte Siedlungs- und Verkehrsfläche ein.

Im Zuge der Klimakrise kann das gefährlich werden: Nordatlantik und Mittelmer werden immer wärmer und wir müssen deshalb mit mehr Starkregenereignissen rechnen. Das kann zu mehr Hochwasserkatastrophen führen. Auch in Sachsen ist das möglich. Erstmalig liegt mit der BUND-Recherche ein Gesamtüberblick über den Verlust von Überschwemmungsflächen der 79 größten Flüsse in Deutschland und über die Investitionen in den Hochwasserschutz aller Bundesländer vor. Rund drei Milliarden Euro wurden seit der Flutkatastrophe 2002 in Sachsen für Hochwasserschutz ausgegeben. Ende 2024 waren von den 749 Vorhaben des sächsischen Hochwasserschutzprogramms 595 fertiggestellt.

Felix Ekardt, Vorsitzender des BUND Sachsen: „Fünf Jahre nach der Ahrtalflut steht fest: Technische Lösungen wie enge Bebauung, höhere Deiche oder zusätzliche Polder können Hochwasser zwar lokal begrenzen, einen absoluten Schutz bieten sie aber nicht. Solche Maßnahmen sind oft weder technisch realisierbar noch wirtschaftlich sinnvoll. Zudem verschwendet diese Strategie in Zeiten von Wasserknappheit und Grundwasserstress wertvolles Wasser, statt es im Boden zu speichern. Was wir brauchen, sind mehr Raum für Flüsse, finanzielle Mittel für die Renaturierung von Auen, ein Ende der Flächenversiegelung und konsequente Investitionen in ökologischen Hochwasserschutz. Sie binden zugleich Klimagase und stärken die Biodiversität.“

Auf früheren Überschwemmungsflächen sind heute: Landwirtschaft, Industrie und Siedlungen

Nur etwa ein Prozent der heutigen Auen ist im Vergleich zu ihrem natürlichen Zustand kaum verändert. Das lässt sich an der Art der heutigen Nutzung ablesen: Auf 43 Prozent der Fläche der ehemaligen Auen ist heute Grünland, gefolgt von Ackerland mit 26 Prozent. Sieben Prozent dienen als Siedlungs-, Verkehrs- und Gewerbefläche, was mit hohen Versiegelungswerten einhergeht. Auf weniger als drei Prozent der rezenten (überflutbaren) Auen finden sich Feuchtgebiete und nasse Wiesen. 

Zwar haben die heutigen Auen geringfügig an Fläche gewonnen, doch ihre Fähigkeit, Wasser zurückzuhalten, hat abgenommen, weil gleichzeitig mehr Flächen versiegelt wurden. Das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) hat ermittelt, dass trotz Bebauungsverbotes in festgesetzten Überschwemmungsgebieten zwischen 2019 und 2023 der Anteil der bebauten Flächen in den rezenten Auen, bundesweit um 2,75 km² (0,04 Prozent) wuchs – das entspricht der Größe von rund 385 Fußballfeldern. Damit wurden die geringen Fortschritte, die es durch Deichrückverlegungen gab, durch neue Flächenversiegelungen vernichtet. 

Die BUND-Recherche zeigt: 

  • Kommunen, Länder und Bundesregierung investieren vor allem in technischen Hochwasserschutz. Dieser ist teurer als ökologischer Hochwasserschutz, der richtig verstanden und umgesetzt Hochwasserkatastrophen vermeiden oder abschwächen kann und gleichzeitig der Natur und Umwelt hilft.
  • In Deutschland haben Flüsse viel weniger Platz: Zwei Drittel der Altauen sind verloren. Dabei sind regelmäßig überschwemmte Auen regelrechte Hotspots der Artenvielfalt und Kohlenstoffspeicher.
  • Die geringen Fortschritte, die es durch Deichrückverlegungen gab, wurden durch neue Flächenversiegelungen vernichtet
  • Priorität für den ökologischen Hochwasserschutz: Wasser zurückzuhalten, muss immer das bevorzugte Ziel sein!
  • Flächenfraß stoppen: Die Netto-Neuversiegelung muss auf Null gesenkt werden; Neubau nur noch auf bereits versiegelten Flächen!
  • Klimaschutz forcieren: Ausstoß von Treibhausgasen durch Ausstieg aus fossilen Energien reduzieren. Das macht extreme Wetterereignisse wie Starkregen seltener und schwächer.
  • Die EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur als Hebel nutzen: sie bietet die Möglichkeit, die Bewirtschaftung der Wassermengen zu unterstützen und die Widerstandsfähigkeit gegen Dürren und Hochwasser durch naturbasierte Lösungen zu verbessern. Gesunde Wälder, Moore und Auen können Wasser aufnehmen, für Dürrezeiten speichern und bei Hochwasser als Überschwemmungsflächen zur Verfügung stehen. Sie halten Wasser in der Landschaft. Die Wasser- und Klimaresilienz muss in den bis 2026 zu erstellenden nationalen Wiederherstellungsplänen vollständig berücksichtigt werden.

BUND-Forderungen

Hintergrund: 

Das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel legt in einer Modellstudie den Zusammenhang zwischen höheren Wassertemperaturen im Mittelmeer, die zu stärkeren Extremniederschlägen (Vb-Zyklone) führt und katastrophalen Überschwemmungen nahe. https://www.geomar.de/news/article/waermeres-mittelmeer-fuehrt-zu-staerkeren-extremniederschlaegen/

Aktuelle Abweichungen vom Mittelwerk der Temperatur an der Wasseroberfläche im Mittelmeer siehe Sub-regional Mediterranean Sea Indicators: from event detection to climate change. [Web app]. Balearic Islands Coastal Observing and Forecasting System, SOCIB, https://apps.socib.es/subregmed-indicators/ocean_temperature.htm

Am 1. Juli 2026 meldeten das europäische Copernicus-Klimaprogramm und der Copernicus-Meeresdienst, dass die täglich gemessenen globalen Meeresoberflächentemperaturen die Rekorde für diese Jahreszeit brechen (https://climate.copernicus.eu/copernicus-marine-and-copernicus-climate-change-daily-global-sea-surface-temperatures-break-records).

Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) gibt in einem Fachbeitrag zu Elbehochwassern die positive Wirkung der Deichrückverlegung Lenzen mit einer Wasserstandsabsenkung des Hochwasserscheitels während des Jahrhunderthochwassers 2013 flussaufwärts um bis zu 49 cm an. Selbst am 23 km entfernten Pegel in Wittenberge betrug die Wasserstandsabsenkung gemäß der Studie noch 8 cm. Dadurch kann eine deutliche lokale Senkung des Hochwasserscheitels durch Deichrückverlegungen belegt werden (Promny, M., M. Hammer, M. Hatz und N. Busch (2015): 2D-Modellierung an der unteren Mittelelbe zwischen Wittenberge und Geesthacht - Beschreibung der Strömungsverhältnisse und Wirkung von abflussverbessernden Maßnahmen auf Hochwasser der Elbe. Bericht der Bundesanstalt für Gewässerkunde BfG-1848, Koblenz. URL: http://doi.bafg.de/BfG/2015/BfG-1848.pdf).  

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